Mittwoch, 25 November 2015 – 08:55 Uhr

Überlebender eines Schicksalsschlags erzählt – Unleugbar (Teil 9): Leid

Leid

Bild: marcodeepsub - Adobe Stock

Vorwärtsdrängen und vorwärtsgedrängt werden, das ist ein Weg aus dem Leid; stillhalten ein anderer. Vier Gleichnisse veranschaulichen dies. Von Bryan Gallant

»Wenn du durch die Hölle gehst, bleib nicht stehen!« – Winston Churchill

Manche fragen sich: Wie kommt man aus so einem Loch wieder heraus? Wie geht man mit dieser erdrückenden Trauer um? Wie kann man dann noch so ein Buch schreiben? Ich glaube nicht, dass sich das leicht beantworten lässt. Da jeder Zeiten der Trauer erlebt, haben viele Forscher versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Eines ist jedenfalls eindeutig: Trauer entzieht sich unserer Kontrolle!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man uns einfach mal so nebenbei ein Rezept für Trauerbewältigung gibt mit allen einzelnen Zutaten. Es wäre ungewöhnlich, wenn man den Ablauf der Trauerphasen wie eine Montageanleitung für einen neuen Schreibtisch skizziert. Denn es reicht nicht, sich aufmerksam in alle Richtungen umzuschauen und aufzupassen, dass alle Teile in der richtigen Reihenfolge an den richtigen Platz montiert werden:

Zuerst macht man eine Phase der Wut durch; dann verdrängt man das Geschehene; bald darauf versinkt man in eine langen Depression, in der man immer wieder mal versucht, sein Leben auf die Reihe zu bekommen; bis man schließlich – voilà! – sich mit allem abgefunden hat! Nein, das Ganze ist viel schwieriger, persönlicher wie ein unverwechselbarer Fingerabdruck mit einigen allgemein gültigen Merkmalen: ganz anders, aber doch ganz ähnlich. Die einzelnen Trauerphasen werden bei einem Autor nicht so klar getrennt wie in der Forschung eines anderen. Dazu kommen die komplexen Umstände, die emotionale Bereitschaft, die individuelle Persönlichkeit und die körperliche Vitalität, und schon hat man ein Raster, das wir mit unserer Vernunft nicht mehr ganz begreifen können.

So erging es auch uns. Die Monate nach dem Unfall hatten unser Leben völlig verändert. Die Finsternis überstieg alles bisher Erlebte und ließ sich nur im Rückblick analysieren und erkennen. Mitten im Sturm gibt es nur wenig Licht und noch weniger Hoffnung auf Überleben.

Aber obwohl der Sturm uns beide überwältigte, trauerten wir beide doch unterschiedlich. Penny ging damit anders um als ich. Als Mutter und Frau empfand sie alles auf eine Weise, die ich nicht ganz verstand. Wir gingen zwar gemeinsam durch den Schmerz, doch er trennte uns auch voneinander. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn sowohl alleine als auch gemeinsam zu bewältigen. Hinter jeder Ecke lauerte er auf uns, und unsere Gefühle warfen uns von einer Schmerzwelle in die nächste. Mit welchem Gleichnis könnte ich ihn beschreiben?

Ein Gleichnis macht deutlich, dass wir hofften, die Trauer durch unsere Entschlossenheit und unsere persönlichen Entscheidungen zu verarbeiten; ein anderes Gleichnis scheint jedoch auf etwas außerhalb von uns hinzuweisen, als ob etwas oder jemand uns hindurchträgt, an uns und in uns wirkt. Wer selbst schon getrauert hat, der erkennt sich sicher in beiden Gleichnissen irgendwie wieder. Daher kann jeder, der die Krise überstanden hat, kaum darauf stolz sein. Vielleicht gibt es deshalb so wenig Praxiskurse zur Trauerbewältigung, weil man selten damit prahlt, die Trauer besiegt zu haben. Der Tod scheint mit der Demut Hand in Hand zu gehen. Er macht uns als Menschen alle gleich! Daher versuche ich mit meinen Überlegungen, einfach nur meine Gefühle zu erklären.

Soldat im langen Krieg

Das erste Gleichnis ist ein langer Krieg, in dem Soldaten über Monate und Jahre mit Siegen, Verlusten, Verwundeten, Amputationen und Angriffen zu kämpfen haben. Es gibt kurze Ruhepausen, denen Wellen der Verzweiflung und hektischer Aktivität folgen – mit dem einzigen Ziel, am Leben zu bleiben. Der Kampf ums buchstäbliche Aufstehen jeden Morgen ist ein kontinuierlicher Sieg: Leben im Angesicht des Todes. Der starke Wunsch, sich einzurollen und über das ganze Blutvergießen um uns herum einfach nur zu weinen, bewahrt uns manchmal davor, verrückt zu werden. Doch haben wir verzweifelt ums Überleben gekämpft, dann ist die Entscheidung, es trotz des hoffnungslosen Belagerungszustands noch einen Tag länger zu versuchen, schon eine weitere gewonnene Schlacht. Dann drängen wir trotzig voran und glauben fest daran, dass wir überleben können – aber nur, um alles noch einmal von vorne zu erleben.

Schlussendlich entscheidet sich die Richtung des Krieges in den Augenblicken, in denen der Entschluss zum Durchhalten und zum Vorstoß ins Ungewisse fällt. Dennoch prasseln die Gefechte unbarmherzig auf alles ein, was uns ausmacht, und am Ende haben wir uns verändert. Mit jedem Verlust lebt der Tod. Das Leben stirbt. Wenn der Kampf ums Überleben vorbei ist, erkennen wir, dass unser Leben nicht mehr da ist: Wir sind etwas anderes geworden. Alles, was bleibt, kann nur noch die Hülle dessen sein, was wir einst waren. Und doch hat diese Hülle gelernt, Augenblick für Augenblick unbeirrt zu funktionieren und – tatsächlich zu existieren. Der Überlebenswille hat Leben aus dem Tod gebracht.

Die erlernte Zähigkeit drängt vorwärts wie ein Amputierter, der mit Hilfe einer Krücke oder Prothese aus dem Krankenhaus ins Tageslicht hinaustritt und allen Mut zusammennimmt, um sich vorsichtig und unter Schmerzen auf das zuzubewegen, was als Nächstes kommt. Unsere Hüllen lebten also noch!

Schiffswrack am Meeresgrund

Vielleicht sind wir auch wie Kriegsschiffe und Zerstörer, die als Beweis für verlorene Schlachten gleichmütig auf dem Meeresboden ruhen und von den herrlichsten Korallen überzogen werden, zwischen denen es von Unterwasserkreaturen nur so wimmelt. Etwas ist aus der Gebrochenheit entstanden. Die Hülle unserer alten Identität kann schließlich mit etwas Neuem gefüllt werden. Krieg zerstört. Krieg schafft auch. Das neue »Wir« sieht die Dinge anders und empfindet das Leben auf eine Weise, die ihm vorher nicht vertraut war.

Wir haben die Wahl, wie wir reagieren wollen. Das erste Gleichnis zeigt, wie wertvoll das Verarbeiten, alle Hilfe und harte Arbeit ist, sodass wir am Ende nicht in der Trauerphase steckenbleiben und nie mehr richtig lebensfähig werden. In diesem Gleichnis wurden Penny und ich sehr durch Frank und viele Freunde gesegnet, die uns dabei halfen, uns durch diesen Krieg durchzuschlagen. Auch verschiedene Bücher haben uns sehr geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um die Schlacht zu »gewinnen« und unser neues Leben zu akzeptieren.

Entkommen aus der Grube

Doch das nächste Gleichnis unterscheidet sich beträchtlich. Es gleicht einem wilden Tier, das versucht, die Wände einer Grube hochzuklettern, die höher ist, als es klettern kann. Es kann nichts dafür, dass es in der Falle sitzt und wenige Überlebenschancen hat. Mit jedem Sprung und jeder Streckung vergeudet es scheinbar seine Energie an den unbarmherzigen Wänden. Das Herz schlägt, die Lungen pfeifen, Muskeln werden angespannt und ziehen sich zusammen. Je mehr das Tier es versucht, desto mehr scheint es zu versagen. Manchmal findet es einen Vorsprung, doch er ist nicht stabil genug, um sein Gewicht zu halten. Rums! Immer wieder Schmerz und Versagen. Die dunkle Wolke aus Erde und Steinen fällt auf das arme, glücklose Wesen und überzieht es genauso mit einer Schmutzschicht wie die offensichtliche Verzweiflung, die sich seines Herzens bemächtigt.

Die Fluchtversuche sind zuerst fieberhaft, dann verlieren sie an Kraft. Schließlich scheint es angesichts der Wirklichkeit zu resignieren. Nie wird es aus der Grube entkommen. Hoffnungslosigkeit überschattet das Lebewesen. Verzweiflung macht sich breit.

Doch dann tut sich etwas. Wie ein unvorhergesehenes Erdbeben fängt das Tier wieder an zu klettern. Es kämpft und springt wieder und wieder gegen die Wand. Wie ein Sagentier, das nicht sterben wird, kämpft es Tag für Tag ums Überleben, und es überlebt! Etwas geschieht.

Die Steine und die Erde, die sich bei jedem Sprung von den Wänden lösen, häufen sich am Boden auf und die Entfernung zum Grubenrand wird schließlich (es mag uns wie eine Ewigkeit vorkommen) geringer. Von der neu gewonnenen Anhöhe auf dem Grubenboden aus wiederholt sich der Zyklus: Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Entmutigung. Fast verliert das Tier die Hoffnung. FAST. Größere Entschlossenheit, mehr Erde und Steine, bis schließlich die Hoffnung über den Grubenrand blinzelt und sich ein ausgemergeltes Tier daran klammert – bereit, noch einen weiteren Tag ums Überleben zu kämpfen.

In den Monaten nach dem Unfall trafen beide Gleichnisse auf mich zu. Ich kann mich mit den Soldaten identifizieren, die ums Überleben kämpften und manchmal unbedacht den nächsten Ausfall machten. Mit jedem feindlichen Gewehrfeuer der Emotionen und Änderungen wrangen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung buchstäblich das Leben aus mir heraus, bis ich fürchtete, ich würde sterben. Auch erlebte ich diese kurzen Hoffnungsmomente, welche die Finsternis durchbrachen, nur um vom neuen Trommelfeuer grauenhafter Erinnerungen und zerstörter Träume zu Boden geworfen zu werden. Als Schmerz, Verwirrung und Tränen mein Leben aussaugten, wollte ich nur noch aufgeben und sterben. Doch dann, wenn die Hoffnung verschwunden war, rührte sich auf geheimnisvolle Weise etwas in einer Ecke, was ich weder erklären noch steuern konnte. Etwas, das größer war, als ich es wahrnehmen konnte, zog mich plötzlich vorwärts und bewog mich noch ein letztes Mal aufzustehen.

Als Penny und ich in unsere neue Welt geschleudert wurden, in der die Trauer unser Geiselnehmer war, kämpften wir einfach nur ums Überleben. Manchmal geschahen die Schlachten offensichtlich und außerhalb von uns. Ein andermal tobten sie zwischen uns. An anderen Tagen kam schon das Aufstehen morgens einer Revolution gleich.

Wirkung aufs Gedächtnis

Mir fielen Veränderungen in meiner Persönlichkeit und meinem Gedächtnis auf. Vor dem Unfall war ich eine draufgängerische, fröhliche Person. Danach war ich kleinlaut und fühlte mich schuldig, wenn ich mal lachen musste. Es kam mir so vor, als würde ich damit das Leben unserer Kinder leugnen und dass wir sie verloren hatten. Es fühlte sich buchstäblich so an, als wäre ein Teil von mir an jenem Tag ebenfalls gestorben, obwohl ich doch immer noch herumlief. Meine sorglose, sanguinische, extrovertierte Art veränderte sich.

Ein andermal verließ mich mein Gedächtnis. Auf unseren Reisen kam mir zum Beispiel der Gedanke, jemand einen kurzen Besuch abzustatten. Ich sagte es Penny und wir nahmen die Ausfahrt. Nur wenige Minuten später, als ich an einem Stoppschild stand, konnte ich mich plötzlich nicht mehr erinnern, wohin wir fahren wollten! Es war verrückt. Wir schienen beide unser Kurzzeitgedächtnis zu verlieren. In den kommenden Jahren merkten wir, dass auch unser Langzeitgedächtnis Einbußen hinnehmen musste. Ganze Abschnitte unseres Lebens waren weg. Die Wirkung von Trauer auf das Gehirn ist gewaltig.

Erinnerungsräuber

Manchmal schlug ich mich ganz gut und dachte, ich wäre dabei, mir die Wunden zu lecken und über alles hinwegzukommen. Dann sah ich im Augenwinkel im Vorbeifahren, dass ein vertrautes Restaurant renoviert wurde. Drinnen war ein Kugelbad, wo ich mit Caleb und Abigail gespielt hatte, wenn Papa auf sie aufpassen musste. In solchen Fällen bestellte ich mir einen O-Saft, damit ich das Restaurant besuchen konnte und mich im Warmen aufhalten durfte, wenn es draußen in Wisconsin kalt war. Die Erinnerung an Calebs Lachen bei der Kugelschlacht ließ mich vorsichtig grinsen. Die Freude darüber wie Abigail sich rückwärts in die Kugeln plumpsen ließ und mir dabei in die Augen schaute, um sicher zu gehen, dass nichts Schlimmes passieren würde, ließ mein Lächeln breiter werden und entführte mich in jene schöne Zeit an jenen glücklichen Ort. Doch jetzt sah ich vor mir, wie Arbeiter in dieser Ecke einen neuen Estrich gossen, damit mehr Platz für Restauranttische geschaffen würde. Unter einem neuen Namen und mit einer neuen Geschäftsleitung brauchte man das Kugelbad nicht mehr. Die Arbeiter taten nur ihre Pflicht und hatten keine Ahnung, dass ihre Arbeit mir diesen heiligen Ort raubte. Ohne Vorwarnung fiel ich in eine wochenlange Depression, weil eine weitere geliebte Erinnerung aus meinem Leben gerissen wurde.

An manchen Tagen hatten wir nichts zu geben, einander nichts und allen anderen gar nichts. Wir verhandelten mit dem Leben und beteten, der Messias möge bald wiederkommen, damit wir unsere Kinder wiedersehen würden. Wir versuchten uns zu beschäftigen, doch wie schnell wir auch rannten, die Trauer war schneller. Wir konnten ihr nicht entkommen.

Tänzer im Ballsaal

Es war, als wären wir im Ballsaal der Verzweiflung eingesperrt. In einen Todesball, der in vollem Gange war. Zum Bleiben gezwungen, tanzten wir oft mit der Verdrängung. Wir drehten uns und wandten uns ab von den brutalen Fakten unseres Verlustes und versuchten das Lied zu leugnen, das das Orchester spielte. Bei jeder Wiederholung des Refrains waren wir erschöpfter und wütender. Wann würde endlich das nächste Lied beginnen? Schließlich wichen wir nicht länger aus und freuten uns auf die kurzen Pausen in dem unendlichen Lied der Hoffnungslosigkeit. Als die Noten durch den Saal hallten mit der Finsternis als Motiv, steckte die Depression leise die Hand in unsere Taschen und stahl unseren liebsten Besitz – unsere Erinnerungen. Mit der Zeit nahmen die Reichtümer in unserer Schatzkammer ab. Mit jedem neuen Tag hatten wir den Eindruck, dass wir uns an Calebs und Abigails Gesichter schlechter erinnern konnten als am Tag zuvor. Ihr Lachen, ihr Lächeln wurde von den unaufhörlichen Trommelschlägen der Verzweiflung übertönt. Dann wollte der Zorn reagieren. Er griff verzweifelt alle an, die in der Nähe waren und versuchte zurückzugelangen ins Land und in die Zeit der Hoffnung. Doch nichts funktionierte. Die Musik wurde nur lauter und die Wogen der Realität drängten uns zurück, bis wir einfach nur um einen kurzen und schmerzhaften Besuch feilschten und es später noch einmal versuchen wollten. Dann würde der Tanz wieder von vorne beginnen. Der Kreis schien unendlich zu sein. Die Hoffnung hatte den Ballsaal schon lange verlassen.

So drehten wir uns. Wieder und wieder. Zorn. Depression. Feilschen. Verdrängen. Als sich der Nebel der Zeit hob und aus den Wochen Monate wurden, gaben wir uns einen Ruck für einen Neuanfang. Wir kämpften, trafen Entscheidungen, verloren die Hoffnung, rafften uns auf, nur um wieder zu fallen und flehten im Gebet: »Ach Gott, wenn es dich gibt, dann lass uns doch bitte nicht beide gleichzeitig am Boden zerstört sein, sonst werden wir es nie schaffen!«

Gott erhörte uns.

Fortsetzung                Teil 1 der Serie              In Englisch

Aus: Bryan C. Gallant, Undeniable, An Epic Journey Through Pain, 2015, Seite 76-83


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