• Die Beziehung Jesu und seiner Nachfolger zur Natur: Landleben im Neuen Testament

    Landleben im Neuen Testament

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    War Jesus Landwirt? Von Kai Mester

Mittwoch, 20 Oktober 2021 – 16:25 Uhr

Die Beziehung Jesu und seiner Nachfolger zur Natur: Landleben im Neuen Testament

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War Jesus Landwirt? Von Kai Mester

Man kennt ihn als den Mann mit dem Gewand aus Kamelhaar, der »Heuschrecken«* und Honig aß: Johannes der Täufer. Sein Auftrag und Lebensstil ähnelten stark dem des alttestamentlichen Landpropheten Elia.

Von Johannes wird berichtet: »Das Kind aber wuchs und wurde stark im Geist; und er war in der Wüste bis zum Tag seines Auftretens vor Israel.« (Lukas 1,80) In der Wildnis der judäischen Berge, fernab der städtischen Zivilisation, wuchs Johannes auf. Er hatte den Auftrag, »die Herzen der Väter umzuwenden zu den Kindern und die ungehorsamen zur Gesinnung der Gerechten, um dem HERRN ein zugerüstetes Volk zu bereiten« (Lukas 1,17).

Interessant, dass die unberührte Wildnis ihn optimal auf diesen Auftrag vorbereitete. Auch seinen Auftrag selbst erfüllte er in der Wildnis: »Da zog zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze umliegende Gebiet des Jordan, und es wurden von ihm im Jordan getauft, die ihre Sünden bekannten.« (Matthäus 3,5) So wie Elia das Volk aus den Städten auf den Berg Karmel rief, holte auch Johannes die Leute durch seine Botschaft in die Natur. Elia rief zur klaren Entscheidung für oder gegen Gott, Johannes zur Reue und Umkehr von Sünden.

Jesu Kindheit

Nachdem Jesus in Bethlehem zur Welt gekommen war, mussten seine Eltern mit ihm ins Ausland, nach Ägypten, fliehen. Doch schon bald konnten sie nach Israel zurückkehren und ließen sich in Nazareth nieder, vermutlich etwas außerhalb. Denn Jesus wuchs im Haus eines armen Zimmermanns auf. Ein Zimmermann hatte im Orient nicht viel Arbeit. Außer Türen und Pflügen wurde wenig aus Holz gefertigt, dies oft in Eigenarbeit. Daher ging es ohne eigene Landwirtschaft gar nicht.

Das Thema in Jesu Gleichnissen

In Jesu Gleichnissen finden wir dann tatsächlich den Sämann, Weizen und Unkraut; den Schatz im Acker, das Senfkorn, den Feigenbaum, Weinstock, Weinberg und Weingärtner, den pflügenden und weidenden Knecht, den guten Hirten sowie Schafe und Böcke. Bilder aus der Werkstatt begegnen uns nicht. Mit unseren heutigen Augen würden wir Jesus daher wohl eher als Bauernsohn bezeichnen. In Israel besaß fast jede Familie Acker und Vieh; das Zimmererhandwerk diente wohl nur zur Aufbesserung des Lebensunterhalts.

Die Kulisse für Jesu Wirken

Die Natur spielte aber nicht nur eine große Rolle in Jesu Gleichnissen, auch sein Wirken fand hauptsächlich unter freiem Himmel und außerhalb der Städte statt. Seine wichtigste Predigt hielt er auf dem Berg der Seligpreisungen, er lehrte am Ufer des Sees Genezareth vom Boot aus; die Menschenmassen folgten ihm sogar bis ins Niemandsland am anderen Seeufer, wo die Speisung der 5000 stattfand. Bis zu seinem triumphalen Einzug nach Jerusalem durchzog er das Land zu Fuß, ganz auf die Gastfreundschaft der Leute angewiesen. Aber oft übernachtete er draußen. Zum Beten zog er sich gerne auf einen Berg zurück (Matthäus 14,23; Lukas 6,12) und selbst den ersten Teil der Nacht vor seiner Hinrichtung verbrachte er auf dem Ölberg in einem Garten mit Olivenbäumen.

Die Endzeitwarnung

Besonders richtungsweisend für seine Nachfolger war folgende Warnung, die Jesus kurz vor seinem Tod, in seiner sogenannten Endzeitrede, ausgesprochen hatte: »Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht (wer es liest, der achte darauf!), dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist.« (Matthäus 24,15)

Wer sich ein wenig mit den Prophezeiungen des Danielbuches auskennt, der weiß, dass der Gräuel der Verwüstung im Zusammenhang mit Rom steht. 66 n. Chr. stand das römische Heer vor den Toren Jerusalems innerhalb der Zone, die als Sabbatmeile galt. Die frühe Christengemeinde sah darin den Gräuel der Verwüstung. Als das römische Heer unerwartet für ein paar Jahre abzog, flohen sie daher in die Berge. So entgingen sie dem Massaker, dass die Römer bei ihrer Rückkehr unter Titus 70 n. Chr. anrichteten.

Die Waldenser und andere Christen folgten diesem Rat, als die römische Kirche sich Staatsgewalt aneignete und gegen Andersdenkende vorging. Auch sie zogen sich in die Berge zurück. Viele verfolgte Christen machten sich schließlich auf den Weg über den großen Teich, um dem Zugriff der katholischen und protestantischen Staatskirchen zu entkommen.

Seit in den USA Ende des vorletzten Jahrhunderts der Versuch unternommen wurde, religiöse Fragen wie den wöchentlichen Ruhetag per Gesetz zu regeln, spüren zahlreiche Christen aus diesem und vielen anderen Gründen verstärkt den Ruf aufs Land und in die Berge.

* Sprachlich deutet vieles darauf hin, dass es sich in Wirklichkeit bei den Heuschrecken um Johannisbrotschoten (Carob) handelte.

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