• Fürsorge durch Abstandnehmen: Was macht Corona mit mir?

    Was macht Corona mit mir?

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    Liegt in der Krise eine Chance? Von Kai Mester

Freitag, 20 März 2020 – 12:01 Uhr

Fürsorge durch Abstandnehmen: Was macht Corona mit mir?

Was macht Corona mit mir?

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Liegt in der Krise eine Chance? Von Kai Mester

Durch das Coronavirus sterben Tag für Tag mehr Menschen. Auf allen Kontinenten werden nie dagewesene Maßnahmen ergriffen, und die ganze Welt schaut wie gebannt zu. Die digitale Vernetzung macht's möglich.

Sowohl bei Politikern als auch beim Otto Normalverbraucher zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab: Anfängliche Skepsis (Ist das alles wirklich so schlimm? Sind die Maßnahmen nicht völlig übertrieben?) weicht nach und nach dem Mitgefühl für Ärzte, Pfleger und Angehörige.

Wenn ein überbelegtes Krankenhaus im Elsass Patienten vom Militär zu anderen Krankenhäusern ausfliegen lassen muss und Tote in Bergamo von Soldaten abtransportiert werden, weil das Krematorium überlastet ist, dann sieht das nicht mehr nach einer normalen Grippewelle aus.

Wo man anfangs noch meinte, sich durch Desinfektionsmittel schützen zu können, heißt es inzwischen nur noch: Möglichst alle unnötigen sozialen Kontakte meiden. Denn ein Großteil der Infizierten bekommt keinerlei Symptome und die Ansteckung kann schon bei weniger als zwei Metern Abstand durch die Luft geschehen (Tröpfcheninfektion).

Christliche Vorbehalte?

Bei Christen trifft man teilweise auf starke Skepsis. Denn Gottesdienst- und Hauskreisverbote, das kennt man ja nur aus atheistischen Staaten. Doch Bars, Diskos und Bordelle werden gleichermaßen geschlossen!

Es mag schon sein, dass diese Krise genutzt werden wird, um weitere Freiheiten dauerhaft einzuschränken, so wie wir es nach den Terroranschlägen in New York erlebt haben, dass der Krieg gegen den Terror nun vom Krieg gegen Seuchen in den Schatten gestellt wird.

Außerdem nehmen die globalen Entwicklungen eine so eindeutige Richtung, dass selbst viele Atheisten an eine böse Macht hinter den Kulissen glauben – in ihren Augen natürlich nur menschliche Strippenzieher; denn an Dämonen glauben sie nicht. (Dass Staats- und Regierungschefs in bester Absicht, ohne es zu wissen, doch Marionetten sein können, kann daher aus ihrem Blickwinkel ja nicht sein.)

Der Blick ins Herz

Ich habe mir aber eine andere Frage gestellt: Was macht Corona mit mir? Macht es mich selbstloser oder selbstzentrierter? Motiviert mich Angst oder Nächstenliebe?

Und wenn ich nun meinem Nächsten mehr Fürsorge entgegenbringen möchte, ist diese Fürsorge auch hilfreich? Bundeskanzlerin Angela Merkel prägte den Satz: »Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.«

Dieser Satz hat mich zum Nachdenken angeregt. Denn schon mehrmals im Leben habe ich beobachtet, dass Fürsorge paradoxerweise auch Abstandnehmen heißen kann.

Was bleibt von meinem Glauben, wenn ich mich zurückziehen muss, um nicht Teil einer unsichtbaren Infektionskette zu werden, die Alten und Gebrechlichen, Ärzten und Pflegern einen langsamen Erstickungstod bringen kann?

Gelingt es mir Nächstenliebe und Herzlichkeit auch auf Abstand zu praktizieren? Mit Worten über ein paar Meter Abstand? Am Telefon? Im Chat? Per Postkarte? Durch Hilfeleistungen? Oder unsichtbarer, hinter den Kulissen, durch Mittelsmänner oder »nur« durchs Gebet?

Zum Beispiel Jesus

Hier ein Beispiel aus der Beziehung zwischen Jesus von Nazareth und Johannes dem Täufer:

»Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass Jesus mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –, verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa.« (Johannes 4,1-3) Rückzug und Abstand aus Fürsorge?

Als Johannes der Täufer im Gefängnis saß, besuchte ihn Jesus nicht, obwohl er selbst am jüngsten Tag zu den Verlorenen sagen wird: »Ich bin … im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.« (Matthäus 25,43) Statt Johannes durch einen Besuch oder eine Botschaft im Gefängnis zu erfreuen, war es Johannes, der Boten zu Jesus sandte mit der Frage: »Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?« (Lukas 7,20) Doch der Trost, den Jesus seinem Verwandten spendete, waren weder Nähe noch lange Worte. Die Boten sollten ihm ausrichten, wovon sie selbst Zeuge geworden waren: dem Heilungswerk, das Jesus tat. Können wir anderen helfen, indem wir einfach unsere Aufgabe an anderen erfüllen? Johannes starb allein.

Ein zweites Beispiel: Lazarus lag im Sterben. Man schickte zu Jesus. Aber er kam nicht. Abstand aus Fürsorge? Er kam später, um ihn von den Toten aufzuerwecken.

Körperliche Nähe?

Viermal fordert uns der Apostel Paulus auf, uns mit dem heiligen Kuss zu grüßen, und der Apostel Petrus nennt ihn den Kuss der Liebe (Römer 16,16; 1. Korinther 16,20; 2. Korinther 1,12; 1. Thessalonicher 5,16; 1. Petrus 5,13). Doch wie bei der Beschneidung kommt es nicht an auf den Kuss, der äußerlich am Fleisch geschieht, sondern auf den Kuss des Herzens, der im Geist geschieht (vgl. Römer 2,28-29).

Respekt vor Anordnungen

Wenn die Regierenden weltweit versuchen, eine Bedrohung in den Griff zu bekommen, dann gilt uns auch dieser Text: »Dich selbst aber erweise als Vorbild guter Werke, ohne Falsch in der Lehre und ehrbar, mit heilsamem und untadeligem Wort, damit der Widersacher beschämt werde, weil er nichts Schlechtes über uns sagen kann. Die Sklaven ermahne, dass sie sich ihren Herren in allen Dingen unterordnen, ihnen gefällig seien, nicht widersprechen,
nichts veruntreuen, sondern sich stets als gut und treu erweisen, damit sie in allem die Lehre Gottes, unseres Heilands, schmücken.« (Titus 2,7-10)

Kreativität als Chance

Trotz aller Einschränkungen ist es immer noch möglich, den Evangeliumsauftrag zu erfüllen, auch wenn Kreativität gefordert sein mag. Aber das tut uns gut, holt uns aus unserem gewohnten Trott und den festgefahrenen Traditionen heraus und führt hoffentlich auch bei dir und mir dazu, dass wir die Erfüllung der folgenden Verheißung am eigenen Leibe miterleben dürfen: »Siehe, ich wirke Neues, jetzt sprosst es hervor; solltet ihr es nicht wissen? Ich will einen Weg in der Wüste bereiten und Ströme in der Einöde.« (Jesaja 43,19)

Die Krise birgt eine Chance, trotz mehr Abstand häufiger Kontakt zu haben, näher zusammenzurücken. Denken wir darüber nach! Beten wir darüber! Und lassen wir zu, dass sie uns verändert, uns im Herzen zu Gott und zueinander treibt.


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