• Erstes adventistisches Seminarhotel für psychosomatische Erkrankungen, Depressionen, Burnout oder Probleme in Ehe und Familie: Ein Ruf nach Kärnten

    Ein Ruf nach Kärnten

    Seminarzentrum

    Erlebe die Pionierzeit mit. Von Dr. Klaus Gstirner

Freitag, 02 April 2021 – 08:10 Uhr

Ein Gründer von hoffnung weltweit erzählt (Fluchtwege 1): Von Ostpreußen nach Pommern

Von Ostpreußen nach Pommern

Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Von Gerhard Bodem

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Die irdische Heimat meiner Eltern war Masuren, das Land der »dunklen Wälder und kristallnen Seen« im ehemaligen Ostpreußen. Dort wurde unser Papa am 3. Juli 1903 geboren. Er war das dritte Kind in der Familie und erhielt den Namen Otto. Seine Mutter starb, als er noch nicht ganz zwei Jahre alt war. Sein nun verwitweter Vater, Karl Bodem, heiratete später die Schwester seiner so früh verstorbenen Frau. Sie hieß Henriette Brand und wurde nun Erzieherin des kleinen Otto und später unsere Oma, eine interessante Frau!

Weltoffene Bauernfamilie

Sie hatte nicht nur Landarbeit kennen gelernt in der Heimatprovinz, bereits den »Großen« auf dem Parkett dieser Welt hatte sie gedient: in Berlin, Paris und London. Ihrem Mann war sie eine tüchtige Hilfe und eine gute Ergänzung. Opa Karl war harte Arbeit gewohnt, jedoch im Umgang mit Menschen oft recht vertrauensselig. Oma Henriette half ihm dann beim Landkauf oder Viehverkauf, damit er von raffinierten Händlern nicht betrogen wurde. Durch Fleiß und Sparsamkeit brachte es die Familie zu einem eigenen Bauernhof im masurischen Erlental, Landkreis Treuburg (historisch Olschöwen, heute Olszewo) – klingende Namen!

Religiöser Hintergrund

Die Familie Bodem interessierte sich nicht nur für ihr persönliches und wirtschaftliches Vorankommen, sie fragte auch nach dem Sinn des Lebens. Als evangelische Christen lasen sie in der Bibel und hätten manches darin gern noch besser verstanden. Durch »öffentliche Vorträge«, durchgeführt von der Adventgemeinde, wurde ihnen dann auch vieles klarer. So entschlossen sie sich, dem Licht zu folgen, das nun auf ihren Weg schien (Psalm 119,105). Opa gab unter anderem das Rauchen auf und ließ sich in die persönliche Nachfolge Jesu rufen. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen Friedrich (Fritz) und meinem Vater Otto ließ er sich taufen nach dem Beispiel unseres Heilandes durch Untertauchen. Der dritte Sohn Willi ging diesen Weg nicht mit. Er wurde freiwillig Soldat und fiel leider kurz nach Kriegsausbruch an der Ostfront.

Erste Flucht

Zu Beginn des ersten Weltkrieges musste Familie Bodem mit vielen anderen für eine kurze Zeit Ostpreußen verlassen. Ihr Fluchtweg führte westwärts bis nach Pommern, aber bald wieder zurück nach Hause. Nach Kriegsende wurde der älteste Sohn Friedrich der Erbe des Bauernhofes mit neunzig Morgen Ackerland, also 22,5 Hektar. Mein Vater Otto als der jüngste Sohn zog zu einer Familie nach Schönhofen im selben Landkreis. Dort lebte Schuhmacher und Landwirt Otto Jopp mit seiner Frau Johanna. Sie hatten fünf Kinder. Drei waren bereits verheiratet. Die zwei jüngeren Mädchen Helene und Herta waren noch im Elternhaus. Otto Bodem übernahm vom künftigen Schwiegervater die Landwirtschaft und »Lenchen« wurde seine Lebensgefährtin.

Kindheitserinnerungen

Am 9. Mai 1928 wurde die Ehe meiner Eltern gesegnet und die Hochzeit gefeiert. Drei Kinder wurden ihnen geschenkt: 1929 Günter, 1931 Gerhard und 1934 Hanna. Es war mir und meiner Schwester Hanna nicht vergönnt, unseren Bruder kennen zu lernen, da er bereits wenige Wochen nach seiner Geburt starb. Krankheit und Leid hatten schon früh Einzug gehalten in unsere Familie. Unsere ersten Lebensjahre im Kreise der Verwandten und ihrer Kinder waren aber wohl unsere unbeschwertesten.

Unser Zuhause in Ostpreuen2

Das Lied »Im schönsten Wiesengrunde« passte zu unserem Grundstück, das von Wiesen, Feldern und etwas weiter von ausgedehnten Tannenwäldern umgeben war. Die Nachbargrundstücke waren etwas weiter weg und bis zur Ortsmitte musste man beinahe eine Stunde laufen. Es löste bei uns große Freude aus, wenn wir im buntbemalten Federwagen in die Stadt fahren konnten. Im Winter zogen die Pferde den Schlitten, und die Glöckchen an ihren Sielen, dem Riemenwerk, sorgten für die Begleitmusik. Plastik kannte man noch nicht. Es gab vieles aus Holz: Wagen für die Großen und Kleinen, Schuppen, Hütten, Lattenzäune und Fußbekleidung. Im Sommer trug man Holzpantoffeln und im Winter Holzschuhe. Oma sorgte für warme Füße mit den selbst gestrickten Schafwollstrümpfen.

Wir lebten einfach, aber gesund und zufrieden, waren viel im Freien, besonders im nahe gelegenen Wald. Interessant war es aber auch auf dem Hof, im Stall und besonders im Werkzeugschuppen.

Unser Papa pflanzte Obstbäume, denn als Vegetarier hat man gern viel Obst. Doch sollten wir von jenen Bäumen keine Früchte mehr ernten. Wir ahnten noch nicht, dass wir unseren Geburtsort Schönhofen bald verlassen würden.

Fluchtwege der Familie Bodem3

Zweite Flucht

Wir wohnten in der Nähe der Grenze zwischen Deutschland und Polen. Im Herbst 1935 traten nicht nur die »Nürnberger Gesetze« in Kraft, in den Grenzgebieten wurden junge Männer einberufen zu mehrwöchiger Ausbildung mit der Waffe. »Wehrsportübung« hieß das damals. Auch Papa erhielt einen entsprechenden Bescheid. Bereits 1933 hörte man von der Hetze gegen die Juden. Versammlungsverbote für Adventisten und Ernste Bibelforscher wurden erteilt. Mit Protestbriefen und Telegrammen aus aller Welt forderten die »Zeugen Jehovas« den »Führer« 1934 auf, die Verfolgung ihrer Glaubensgeschwister einzustellen. Sie hatten als Gemeinschaft den Wehrdienst und den Hitlergruß abgelehnt. Die Nationalsozialisten reagierten mit grausamer Härte. Die zum Wehrdienst einberufenen Männer wurden bei Nacht von der Gestapo abgeholt und zunächst wusste niemand, wohin man sie gebracht hatte. Man sprach dann von »Schutzhaft«. Später kam es heraus: Man hatte sie in Konzentrationslager gesperrt und viele kamen da nicht mehr lebend heraus.

Aus Gewissensgründen war unser Vater gegen eine Ausbildung mit der Waffe. Er war bereit, seinen Glauben vor der Obrigkeit zu bezeugen und die Folgen anzunehmen. Er sprach mit den Schwiegereltern in der Hoffnung, durch sie ermutigt zu werden. Doch Opa Jopp erinnerte an die verschwundenen jungen Männer der »Zeugen Jehovas« und fragte: »Soll ich etwa dann Lenchen und die kleinen Kinder versorgen?« In der Prüfung offenbart sich der Charakter. Unsere Eltern standen darin allein, aber der HERR zeigte ihnen den Ausweg. Im Gebet wurde Papa an Tante Emma erinnert, die mit ihrem Mann nach Pommern gezogen war. Er rang sich zu dem Entschluss durch, Ostpreußen zu verlassen und dem »Wehrsport« den Rücken zu kehren, den es im Reichsinnern nicht gab. Rasch entschlossen überließ er die Landwirtschaft der Familie Jopp und machte sich mit einer Anzahlung in Höhe von 2000 Reichsmark auf den Weg nach Westen. Soweit der Bericht unseres Vaters. Was ich aber selbst im Gedächtnis behalten habe, war die lange Reise durch Ostpreußen, den polnischen Korridor und halb Pommern mit der Reichsbahn.

Harte Arbeit in Pommern

In Kahlbruch (heute Kałużna, Ortsteil von Osina) rund 40 km nordöstlich von Stettin kauften die Eltern eine Landwirtschaft mit 37 Morgen Land. Menschlich gesehen hatten wir uns verschlechtert. Der Boden war leicht (sandig), Haus und Scheune reparaturbedürftig und es gab noch keinen Stromanschluss in unserem Ortsteil. Doch im Laufe der Zeit wurde uns klar, dass wir unter freundlichen, konservativen Leuten wohnten, die nicht so begeistert waren von dem neuen »Führer« und seiner Revolutionsregierung. Wir konnten ein wenig aufatmen als »Naziverfolgte«.

Das erste Jahr war hart und bitter für uns alle. Kaum hatten wir uns ein wenig im Haus eingerichtet, begann auch schon die Arbeit im Garten und dann die Heuernte. Vor Tagesanbruch befestigte Papa seine Sense am Fahrrad und fuhr zur großen Wiese. Bekanntlich lässt sich das Gras gut mähen, solange es noch taufrisch ist. Mama folgte ihm, sobald die Arbeit in der Küche und im Stall fertig war. Nachdem das Heu eingefahren war, mussten Roggen und Hafer gemäht, in Garben gebunden und aufgestellt werden.

Der Tod meiner Mutter

Trotz aller Arbeit suchte unsere Mama in der knappen freien Zeit uns ihre ganze Liebe zu schenken. Aber es wurde alles zu viel für ihren zarten Körper, und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Eine gründliche Untersuchung ergab das erschütternde Ergebnis: Lungentuberkulose! Mama musste ins Kreiskrankenhaus nach Naugard. Dort ließ die Pflege sehr zu wünschen übrig. Juden und »bekennende Christen« waren in jener Zeit »Gezeichnete«. Fast alles redete von »Großdeutschland«. Aber zu Mamas letzten Worten auf dem Sterbebett gehörte die bemerkenswerte Frage: »Wohin gehst du, Deutschland?« Zu früh und sehr schmerzlich für uns alle endete ihr kurzes, aber aufopferungsvolles Leben am 24. September 1936. Ich war gerade einmal fünf Jahre alt!

Die Ärzte gaben mich auf

Infolge einer Ansteckung hatte man mich in die Lungenheilstätte Hohenkrug bei Stettin bringen müssen. So musste Vater neben der vielen Arbeit zwei Kranke besuchen, der eine im Süden, die andere im Norden. Doch wohl schon beim zweiten Besuch versuchte Papa mir zu berichten, was passiert war. Ich war fassungslos. Wie sollte es ohne unsere geliebte Mama weiter gehen? Papa wollte mich damit trösten, dass ja er noch für uns da sei. Als er mich dann verließ, wurde mein Kummer unbeschreiblich. Das Pflegepersonal gab sich alle Mühe, mich abzulenken. Das gelang jeweils nur kurzfristig. Mein Gesundheitszustand wurde von Tag zu Tag schlechter. Nach einem halben Jahr gaben die Ärzte mich auf. Papa holte mich ab mit der Erklärung: »Wenn mein Junge sterben muss, dann lieber zu Hause.«

Teil 2


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