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Montag, 12 Oktober 2015 – 07:38 Uhr

Überlebender eines Schicksalsschlags erzählt – Unleugbar (Teil 7) : Im Dunkel der Nacht

Im Dunkel der Nacht

Trauernde verstehen, ist eine Eigenschaft Jesu. Diese Serie hilft dabei, diese Eigenschaft zu erlernen. Noch vier Folgen, bevor es dann allmählich aufwärts geht. Von Bryan Gallant

»Wie tief man in die Dunkelheit hinabsteigen kann, ohne zu sterben, bemisst sich exakt daran, wie hoch man versuchen kann zu gelangen.« Plinius der Ältere

Nacht. Die Zeit, wenn alles Dunkel ist. Oft die Kulisse für Horrorfilme, Gute-Nacht-Geschichten, Leidenschaft und Schmerz. Die Welt, in der die Träume regieren, ein Ort, wo das Unterbewusstsein uns überlistet und uns die Wirklichkeit in neuen Farben präsentiert. Die Nacht kann Flucht oder Qual sein.

Wieder daheim

Unsere erste Nacht daheim war grauenhaft. Wieder in genau das Haus zurückkehren zu müssen, das wir vor nur acht Tagen als recht frohe vierköpfige Familie verlassen hatten, war furchtbar. Jetzt waren wir nur noch das Gerippe unserer Familie: Penny und ich. Obwohl das Haus nur ein kleiner gemieteter Anhänger mit gebrauchten Möbeln und sonst nichts an echtem Wert war, stellte es doch alles dar, was wir hatten. Nur dass jetzt unsere beiden Kinder und auch das Auto fehlten! Als wir diesen bekannten Ort betraten, bombardierten uns all die Erinnerungen und trieben uns immer weiter zur Verzweiflung. Uns wurde bewusst, dass Caleb nie mehr durch den Flur rennen würde. Nicht mehr das vertraute Bild von Abigail, die überall herumkrabbelt und sich begeistert alles in den Mund steckt, was nicht niet- und nagelfest ist. Unser Elterninstinkt, der immer wissen will, wo die Kinder gerade sind, und sie beschützen will, bei dem was sie gerade tun, war wach, aber nicht im Einsatz. Denn man hörte nichts. Die Stille war unheimlich.

Unsere lieben Freunde und Gemeindeglieder waren unter der Woche hergekommen und hatten das Haus für unsere Ankunft vorbereitet. Ein paar hatten das Geschirr gewaschen und den Kühlschrank gefüllt, ein anderer hatte den Schnee vom Gehweg geschaufelt. Eine kleine Gruppe Mutiger war sogar freiwillig ins Kinderzimmer vorgedrungen und hatte mit Tränen in den Augen und liebenden Händen alle Spielzeuge und Kinderkleider in Kisten verstaut, bis wir eines Tages ihren Anblick wieder ertragen würden. Wir wussten, dass wir geliebt waren, und bekamen so viel Liebe, dass wir anders als andere, die nie mehr ihr Haus betreten können, den Mut hatten, diesen Schritt überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Die Nächte

In der ersten Nacht zu Hause blieb eine Freundin bei uns, damit Penny und ich nicht alleine leiden mussten. Wir waren so dankbar! Ihre eigene Familie wurde von ihr ein paar Nächte sich selbst überlassen. Dafür erwies sie uns einen ungeheuren Dienst! Sie half Penny bei der medizinischen Versorgung und war ansonsten einfach im Wohnzimmer, falls wir irgendetwas brauchen sollten. So einfache, aber enorme Liebesbeweise haben wir häufig erlebt, wenn wir heute zurückblicken.

Die einzige Art, wie wir in diesen ersten paar Wochen nach dem Unfall schlafen konnten, war mithilfe von Medikamenten oder durch völlige Erschöpfung. Die Erschöpfung war in der Regel die Folge hemmungsloser Weinkrämpfe oder endloser Diskussionen. Keiner von uns hatte etwas, das er dem anderen geben konnte, und beide brauchten mehr, als jeder von uns zu geben imstande war! Wir funktionierten gerade noch so, und der Stress raubte uns die Kräfte. Wenn die Pillen nicht zu helfen schienen, zehrte das Weinen und Streiten an unseren Nerven, sodass wir schließlich erschöpft in einen stummen Schlaf fielen.

Doch wir schliefen selten gut. Oft gab es Phasen, in denen wir weder wach waren noch schliefen, aber unsere Ohren alles um uns herum wahrnahmen.  Unsere Sinne spielten uns schon Streiche. Glücklicherweise haben weder Penny noch ich je Horrorfilme geschaut oder an Geister geglaubt, weil wir davon überzeugt sind, dass das Grab seine Opfer bis zum Jüngsten Tag festhält. Daher musste unser Geist sich nicht mit der zusätzlichen Belastung des Kinohorrors auseinandersetzen, wenn eine Tür sich scheinbar bewegte oder ein Geräusch nicht genau zu erkennen war. Dieses zusätzliche Trauma blieb uns erspart. Doch immer wieder hatten wir den Impuls, nach den Kindern zu sehen, und das machte uns jedes Mal neu die schmerzliche Wirklichkeit bewusst, dass niemand mehr in ihrem gemeinsamen Zimmer wohnte. Ihre Betten waren unbenutzt. Nach so einem Streich des Unterbewusstseins dauerte es oft lange, bis wir unter vielen Tränen wieder einschliefen.

Die Träume

Dann wieder wurde unser Schlaf von Erinnerungen oder Träumen unterbrochen. Eines Nachts saß Penny plötzlich kerzengerade im Bett. Ihr Puls raste, sie atmete so tief, wie es ihr ihre in Mitleidenschaft gezogene Lunge noch erlaubte, und rief: »Unsere Kinder sind kalt! Sie brauchen mich! Meine Kleinen sind kalt!« In ihrem Wahn der Verzweiflung wollte sie aufstehen, und begann sich mit ihrem gesunden Arm anzuziehen. Ich versuchte sie zu beruhigen. Mehr als umarmen und sie daran erinnern, dass sie nicht zu den Kindern kann, konnte ich nicht. »Schatz, sie sind nicht mehr bei uns zu Hause.« Als die Wirklichkeit sie weckte, sackte sie in sich zusammen, weil sie wusste, dass sie ihren Kindern nicht helfen konnte. Sie waren tot und starr, Stunden weit weg von uns in Michigan! Ich hielt sie fest, bis ihre Tränen versiegten und die Riesen der Hilflosigkeit und des Schmerzes – zwei abscheuliche Bettgenossen – uns wieder ins Bett zogen. Endlich ließen die unterdrückten Schluchzer nach und wichen dem erschöpften Versuch einzuschlafen.

Die Flashbacks – Albträume am Tag

Meine Träume unterschieden sich von Pennys. Sie beschränkten sich nicht auf die Dunkelheit, konnten jederzeit ohne Vorwarnung auftreten. Ganz plötzlich bekam ich Flashbacks und sah Bilder von dem Tag, als meine Welt zerbrach. Obwohl ich körperlich keine Verletzungen vom Unfall davongetragen hatte, reichte für das, was meine Augen sahen und mein Herz fühlte, die Schmerzskala nicht aus. Zu tief hatte sich das vernichtende Trauma mir eingeprägt. Diese Flashbacks zwangen mich, die unsäglichen Angstgefühle neu zu durchleben.

Manchmal merkte ich kurz vorher, dass so ein Flashback bevorstand: Meine Arme begannen zu zittern. Dann mein Kopf. Wenn ich beim Autofahren war, wusste ich, es blieb mir nur noch wenig Zeit, bevor ich die Selbstbeherrschung verlieren würde. Ich fuhr rasch zur Seite auf den Standstreifen und betete, es möge diesmal nicht so schlimm werden. Während die Gefühle immer stärker wurden, fing ich an zu hyperventilieren und am ganzen Körper zu schlottern. Die Gedanken rasten unkontrolliert durch die Spalten und das zerklüftete Gelände meines persönlichen Terrors. Hoffnungslosigkeit, Angst, Verlust, Gesichter, Blut, Erbrochenes, Nutzlosigkeit, Metall, Gras, der Sarg, Tod, kalt, steif … Wie ein gigantischer Gefühlscomputer versuchte ich Daten und Bilder zu komprimieren und analysieren, um aus dem Ganzen schlau zu werden. Kalter Schweiß. Ich wand mich, zuckte, schrie auf, weinte und vergaß völlig, wo ich war. Dann schließlich, als die Belastungsgrenze erreicht war, wurde die Notbremse ausgelöst und ich fiel in eine Erstarrung der Stille und Erschöpfung. Keine Lösungen. Keine Schmerzpause. Albträume mitten am Tag.

Im ersten Jahr waren sie entsetzlich. Sie kamen mit nur wenig Vorwarnung und tiefem, unaussprechlichen Schmerz. Manchmal tauchten die Flashbacks nachts auf. Dann sprang ich aus dem Bett und versuchte meine Kinder wenigstens dieses Mal zu retten – nur um erneut zu versagen. Penny versuchte mich stets schnell zu bewegen, wieder ins Bett zu kommen, während ich Dinge zur Seite stieß und sinnloses Kauderwelsch über irgendjemanden redete, der den Kindern oder ihr etwas antun wolle. Schließlich holten mich ihre beruhigenden Worte wieder in die Wirklichkeit zurück und meine Fantasiegebilde verabschiedeten sich in die Dunkelheit, um mich bei anderer Gelegenheit wieder anzugreifen. In unserer gemeinsamen Trauer schienen wir beide uns in diesen dunklen Winternächten unseres Lebens abzuwechseln.

Die nächtliche Sucht

In manchen Nächten ging meine Frau früh zu Bett. Dann wartete ich eine Weile in der Dunkelheit, stand leise auf und ging in ein anderes Zimmer. Mir war während der Wochen und Monate, in denen ich Penny durch ihre Schmerzen und Tränen begleitet hatte, manchmal, als müsste ich den Starken spielen und ihr eine Stütze sein. Deshalb unterdrückte ich meine Gefühle und verarbeitete sie nicht. Ich weiß nicht, ob das, was ich tat, ungewöhnlich ist oder nur mich betraf, oder ob es eine typisch männliche Art ist, mit Gefühlen umzugehen. Vielleicht trauerten wir auch einfach auf unterschiedliche Weise. Doch es gab Nächte, grausige Nächte, wo es mich ganz stark dazu drängte, die Trauer in meinem Herzen herauszulocken und den Schmerz auszudrücken, den ich am Tag unterdrückte.

Dann ging ich und holte die Fotos. Fotos, die liebe Freunde von uns gemacht hatten. Ich wusste nicht, ob Penny wusste, wo sie waren. Es war so ein ganz persönliches Versteck, das ich geheim hielt. Die Bilder zeigten Menschen, Blumen, Gesichter, Karten, Geschenke und natürlich Caleb und Abigail im Sarg. Alle sprachen von Liebe, aber kaum von Trost. Zuerst kamen die Tränen sofort, wenn ich an die Schmerzen und Erinnerungen dachte, die ich mit diesem Bilderstapel verband. Monate später jedoch brauchte ich wie ein Süchtiger immer mehr von der Droge, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Es dauerte länger, bis die Tränen kamen. Ich ging die Bilder durch, kannte ihre Reihenfolge, wusste, welches Bild als nächstes kam, während ich eines nach dem anderen weglegte und meine Gefühle immer stärker aufgewühlt wurden, bis ich ganz am Ende des Stapels – Caleb und Abigail sehen würde. Als meine Finger dann zu dem Bild blätterten, auf dem ich die friedlichen, unbeweglichen Gesichter meiner beiden Kinder sah, kamen schließlich die Tränen. Ich weinte alleine, ohne irgendeinen Zeugen, vor allem ohne Penny, um ihr diesen Schmerz nicht auch noch aufzubürden.

Ein andermal schienen die männlichen Tränen in tieferen Schichten zu liegen als zuvor. Dann suchte ich nach anderen Bildern. Nicht Bilder von der Beerdigung, sondern die wenigen, die wir von Caleb und Abigail zuvor gemacht hatten. Ihre lächelnden Gesichter förderten in mir verschiedenste Gefühle zutage. Ich wusste nie genau, welches Gefühl sich in einer solchen Nacht entladen würde. Es konnte Freude sein, sie wiederzusehen, wenn auch nur auf einem Bild. Dann badete ich in schönen Erinnerungen. Jedes Bild erinnerte mich aber auch an meine täglichen Fehler als Vater und sogar an den Fehler, den ich an ihrem Todestag beging, als ich sie nicht rettete. Wieder ein andermal äußerte sich ein tiefer Groll. Dann kämpfte ich nicht nur mit meiner Trauer über den Verlust, sondern auch mit dem Zorn, dass man mich beraubt hatte, ihrer Gegenwart beraubt, der Erlebnisse beraubt, die wir mit ihnen nun nicht mehr haben würden. Wie ich Caleb nie beim Baseball zuschauen würde oder Abigail nicht an ihrem Hochzeitstag dem Bräutigam am Traualtar zuführen durfte. In meinem Groll beschuldigte ich Gott mit bösen Worten. Nicht nur hatte ich meine Kinder im Stich gelassen. Nein, Gott hatte uns alle im Stich gelassen! Während ich versuchte meine Wutschreie zu unterdrücken, brachen die heißen Tränen endlich aus meinem tiefsten Innern hervor.

In den schlimmsten Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte und die normale Folge der Bilder ihre Wirkung verloren hatte, zog ich schließlich das Bild von unserem zerknautschten PKW hervor, oder ich las den polizeilichen Unfallbericht und zwang auf diese Weise den Schmerz an die Oberfläche. Der ganze aufgestaute Druck machte sich Luft, als ich mich im läuternden Schmelztiegel unter Schmerzen wand und meine Maske zerriss. Die Qual des Verlusts schlug viele Minuten lang in einer Welle nach der anderen über mir zusammen. Der Schmerz von Wochen brach aus wie ein gruseliger Geysir. Am Ende entließ mich die selbst zugefügte Qual in den Schlaf.

So waren viele dunkle Nächte.

Fortsetzung            Teil 1 der Serie             In Englisch

Aus: Bryan C. Gallant, Undeniable, An Epic Journey Through Pain, 2015, Seite 61-68.


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