Freitag, 04 November 2016 – 09:36 Uhr

Hoffnung inmitten von Verzweiflung: Diamondola (1894–1990), Engel in der Türkei

Diamondola (1894–1990), Engel in der Türkei
Die Welt braucht mehr hingebungsvolle Hoffnungsträger wie Diamondola. Von Mildred Olson
 

Diamondola (im Bild rechts) begann 1907, im Alter von 13 Jahren, im damaligen Osmanischen Reich die Adventbotschaft zu verkündigen. Auch diente sie den Adventgemeinden als talentierte Übersetzerin, denn sie beherrschte Griechisch und Türkisch von Haus aus und lernte später noch Armenisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Farsi (Persisch). Ihre Arbeit führte sie von Konstantinopel/Istanbul nach Teheran, Zypern und Beirut. Sie starb im Jahr 1990.

Ihre spannende Lebensgeschichte wurde von Mildred Thompson Olson in zwei Bänden veröffentlicht. Auf Schritt und Tritt erlebte Diamondola Gottes Eingreifen und Führung. Gott hielt es sogar für nötig, sie durch Bruder Diran Tscharakian (zweiter von links) von den Toten wieder aufzuerwecken, als sie im Jahr 1919 an Typhus starb. Dabei hatte ihre Mutter mehrere Stunden nach Eintritt ihres Todes die Totenkleider schon ans Fußende ihres Bettes gelegt. Doch Diran Tscharakian war der festen Überzeugung, dass ohne sie das Werk in der Türkei nicht weitergehen konnte. Er glaubte, dass Gott heute auch noch derselbe ist wie zur Zeit, als er Tabea wieder zum Leben erweckte.

Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus Band 1. Es ist Winter 1915/1916, wir befinden uns mitten im Ersten Weltkrieg. Diamondola hat sich mit Emil Frauchiger (zweiter von rechts), einem Prediger, auf eine Reise ins Landesinnere Anatoliens begeben. Denn viele Adventisten armenischer Abstammung werden zusammen mit ihren Landsleuten von den Behörden festgenommen und in die syrische Wüste deportiert. In Todesmärschen treibt man sie durch die eisige Kälte des Hochlandes. Die meisten erreichen nie ihr Ziel. Diamondola besucht die verschiedenen Lager entlang dieser Route. Leider können sie nirgendwo die Befreiung der Ausgewiesenen bewirken. Doch sie sprechen Mut zu, bringen warme Decken und beten mit den Geschwistern. Einige haben später bezeugt, dass sie den Todesmarsch nur deshalb überlebt haben.

Der Todesmarsch

Diamondolas und Bruder Frauchigers nächste Station war Akşehir. Auch hier besuchten sie das Deportationslager. Unter den Lagerinsassen fanden sie einige Adventisten aus den verschiedenen westlicheren Städten. Die Deportierten lebten in schrecklichem Elend. Alle froren und hatten Hunger, viele waren krank und lagen im Sterben. Ein leitender Bruder hatte seine Frau unterwegs verloren. Als er Diamondala zu ihm unters Schutzdach kriechen sah, um mit ihm zu reden, überwältigten ihn Schmerz und Trauer. Er saß in der Hocke, wiegte sich vor und zurück und sagte: »Ich habe meine Frau verloren. Die Arme – die Arme. Obwohl sie schwanger war, hat man sie dazu gezwungen mit den anderen mitzulaufen. Ich bin hinten bei ihr geblieben, weil sie nicht so schnell konnte. Sie war so müde. Die Soldaten haben uns geschlagen, wir würden den ganzen Trupp aufhalten. Man stieß sie, sie fiel in den Schnee. Ich war schwach vor Hunger und konnte sie nicht tragen. Da kam unser Sohn am Straßenrand zu früh auf die Welt und – starb. Meiner Frau fehlte natürlich die medizinische Versorgung. Sie konnte nicht laufen und brach erschöpft am Straßenrand zusammen. Ich blieb bei ihr bis – bis – sie die Augen schloss. Sie starb, weil – wahrscheinlich wollte sie einfach sterben. Sie hatte so viel gelitten, war so viel geschlagen worden und fror so sehr. Ich ließ sie im Schnee mit unserem Sohn zurück. Er hatte nur ein paar Minuten in dieser strengen Kälte hier in den Bergen überlebt. Oh, wo ist nur unser Gott? Warum kümmert er sich nicht um seine Kinder?« Der Körper des ausgezehrten Mannes bebte unter seinem Schluchzen.

Trost und Vergebung mitten im Leid

Bruder Frauchiger kroch zu dem verzweifelten Bruder unter das Schutzdach. »Mein Bruder«, fragte er freundlich. »Hat deine Frau Gott treu gedient?« »O ja, sehr treu. Sie war ein Engel und sie liebte Gott sehr«, erwiderte der Mann schluchzend, aber mit Gewissheit.

»War sie bereit für den Tod?«, fragte der Prediger.

»Ich bin mir ganz sicher. Ihre letzten Worte waren ein Gebet für den Soldat, der sie in den Schnee gestoßen hatte und für die frühzeitige Geburt und den Tod unseres Kindes verantwortlich war«, fügte der Bruder hinzu.

Bruder Frauchiger erinnerte ihn: »Du kennst doch den Vers in der Bibel: ›Alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden.‹ (2. Timotheus 3,12) Deine Frau hat gelitten bis in den Tod. Aber wenn sie bereit war, dann ist sie jetzt sicher und kann durch nichts mehr dazu gebracht werden, in Sünde zu fallen. Ich glaube, Gott hat ihr Leben hinweggenommen, als sie dafür bereit war. Mit deinem unschuldigen Sohn ist es nicht anders. Hab keine Angst, mein Bruder, du wirst sie wiedersehen, wenn du gläubig und vergebungsbereit bleibst. Diese Soldaten sind durch die Sünde hart geworden und weil sie das Evangelium nicht kennen. Sie sind erschöpft vom Ausführen der Befehle. Sie sind abgestumpft gegenüber Leid, Tod und Elend, achten nicht die Heiligkeit des Lebens. Sie nehmen Leben und fügen Leid zu, weil sie Gott nicht fürchten. Sie sind es, die uns eigentlich leidtun müssen. Ihre Herzen sind für Gottes Geist unempfänglich und ihr elendes, herzloses Leben hier bringt ihnen nur wenig Freude. Du weißt, was sie eines Tages im Gericht erwartet. Würdest du gerne mit ihnen tauschen wollen, mein Bruder?«

Der Mann hatte inzwischen seine Selbstbeherrschung wiedergefunden und hörte Bruder Frauchiger aufmerksam zu.

»Auf keinen Fall«, antwortete er. »Lieber möchte ich ein Deportierter sein und für meine eigene Schuld gerade stehen.«

»Hättest du es lieber gehabt, dass deine arme Frau weiter gelebt und gelitten hätte? Dass sie schließlich verbittert wäre wegen dieses ganzen Unrechts, das man ihr angetan hat?«

»Nein …«

»Dann«, sagte Bruder Frauchiger und legte seine Hand auf den knochigen Arm des Mannes, »wollen wir Gott dafür danken, dass sein Wille geschehen ist. Denn wir würden uns für keinen anderen Weg entscheiden als für den, den Gott uns führt, wenn wir das Ende des Weges schon am Anfang sehen könnten und die Herrlichkeit, die er für uns vorbereitet hat.«

Der Mann nickte still und nahm sein Schicksal an. Seine Bitterkeit gegenüber Gott und Menschen war verschwunden und das Licht der Vergebung strahlte aus seinem ausgemergelten Gesicht. »Lasst uns beten«, sagte Bruder Frauchiger. Die drei neigten ihr Haupt zum Gebet. »Und jetzt stehen wir auf und essen einen Teller heiße Suppe. Diamondola und ich haben etwas Gemüse gekauft und einen großen Kessel mit heißer Suppe für alle gekocht.«

Bruder Frauchiger und Diamondola verbrachten die nächsten zwei Tage damit, die Glieder zu trösten, ihnen Essen und warme Kleidung zu bringen.

Aus: © Mildred Thompson Olson (1966), Diamondola, »A Little Diamond«, Brushton, New York: © Teach Services (2003), Seite 141- 143.

Eine Leseprobe steht unter books.google.de online.

Zuerst im Deutschen erschienen in Fundament für ein befreites Leben, 2-2008


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